Fremd ist ganz schön strange …

Mit neunzehn stand ich in Heidelberg an einer S-Bahn-Haltestelle vor dem Fahrkartenautomat und habe nur Bahnhof verstanden. Oder eigentlich noch weniger als Bahnhof, denn dann hätte ich ja zumindest ein Fahrtziel gehabt.
Mal abgesehen davon, dass sämtliche Knöpfe und Schlitze an solch einem Automaten unerreichbar sind für jemanden, der nur einen und einen viertel Meter groß ist, hätte ich auch gar nicht gewusst, welche Knöpfe ich drücken soll, wenn ich denn drangekommen wäre. Einzelticket, Tagesticket, Zonentarif … ich hatte wirklich keinen Schimmer.
Damals war ich überrascht, als schon nach etwa einer Minute, in der ich stirnrunzelnd und mit leicht sehnsuchtsvollem Blick auf den Kasten starrte, jemand an mich herantrat und mir Hilfe anbot. Das war ich von dem verschlafenen Kurstädtchen, in dem ich aufgewachsen bin, nicht gewöhnt. Dort mischt man sich nicht so schnell in anderer Leute Angelegenheiten. Dort wartet man, bis man gefragt wird, man will ja schließlich nicht aufdringlich sein.

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Wenn sie gehen …

„Als Gott die Welt erschuf“, so sinnierte Konrad Lorenz bereits vor 50 Jahren, „muss er wohl unerfindliche Gründe gehabt haben, dem Hunde eine etwa fünfmal kürzere Lebensdauer zuzumessen als seinem Herrn“. Heutzutage hat sich diese Situation eher noch verschärft, da die Menschen immer älter werden, die Lebenserwartung der Hunde aber keinesfalls gestiegen ist. Und natürlich gilt dieses Missverhältnis nicht nur für Hunde, sondern für so ziemlich all unsere Heimtiere, Schildkröten und Papageien vielleicht ausgenommen. Und es gibt auch etliche Pferdeleute, die sich tatsächlich vor die Frage gestellt sehen, was sie mit ihrem Zwanzigjährigen anfangen sollen, den man nicht mehr richtig reiten kann, dem voraussichtlich aber noch etliche Jahre bevorstehen.
Zwanzigjährig. Ich teile mein Leben mit Hunden und Katzen, da scheint mir solch eine Zahl völlig utopisch zu sein. Obwohl der derzeit älteste Hund 25 ist und die älteste Katze gerade 31 wurde – aber das sind wohl echte Ausnahmeerscheinungen. Katzen begleiten mich beinahe mein ganzes Leben lang, eine starb mit 12 an Altersschwäche, doch die meisten anderen sind wesentlich früher gegangen.

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Geschichten von den Weißen – Wölfe im Park

Als meine Hündin Jeshi etwa sieben Monate alt war, hatte ich eine Lektion bereits gelernt: Wenn du dich mit einem jungen, weißen Hundekind auf öffentlich zugängliche Wege und Straßen begibst, solltest du erstens Zeit mitbringen und zweitens nicht menschenscheu sein. Aus jeder Ecke wird es dir entgegenschallen: „Oh Gott, ist der süß!“ oder „Kann man den streicheln?“ oder „Was ist das für einer?“, oder es ertönt einfach nur ein langgezogenes „süüüüß“, und zwar in einer Tonlage, in der das „ü“ bereits in ein schrilles „i“ übergeht.
Es kann recht unterhaltsam sein, sich passende Erwiderungen auszudenken („Ist er nicht, ich habe probiert!“ oder „Einmal streicheln kostet 2 Euro“). Da die Leute dir in solchen Momenten meist sowieso nicht zuhören, weil alle ihre Sinne vollständig von dem weißen Fellknäuel vereinnahmt sind, macht es jedoch wenig Sinn, eine Diskussion anzufangen. Es gibt eigentlich nur die Möglichkeit, den Ansturm über sich ergehen zu lassen (und darauf zu achten, dass der Hund diesen übersteht und nicht erdrückt oder entführt wird) – oder menschliche Ansiedlungen generell zu meiden und irgendwo in der sibirischen Taiga spazieren zu gehen.

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Anatol

Anatol war einer meiner Lehrer, ein durchaus wichtiger, auch wenn ich, wie das häufig so ist, erst recht spät verstanden habe, wie wertvoll seine Botschaften tatsächlich waren.
Wir sind uns zum ersten Mal Mitte der Neunziger Jahre quasi auf geschäftlichem Wege begegnet, da er regelmäßiger Pensionsgast in meiner damaligen Ausbildungsstelle war. Er stand zu dieser Zeit in der Blüte seiner Jahre, die innere und äußere Reife zeigte sich bereits an einer dezenten Graufärbung seines Bartes. Er war nicht übermäßig groß, aber breitschultrig und er entstammte gleich zwei alten deutschen Adelsgeschlechtern. Die dementsprechenden Abstammungsurkunden wurden ihm aufgrund der Blutsvermischung leider verweigert, was seine Haltung und sein Gebaren jedoch nicht im Geringsten beeinflusste. Er wusste, dass er den meisten anderen Pensionsgästen haushoch überlegen war. Ich glaube, er wusste auch, dass er so manchem Zweibeiner haushoch überlegen war.

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Wo bitte geht’s zur Trauer?

Ich bin noch nicht lange in den sozialen Medien aktiv, daher sei mir eine Art kindliches Erstaunen gestattet über das, was seit Dienstag im Netz und im TV geschieht. Da geht es schon los: Kindliches Erstaunen – kann ich, darf ich so etwas schreiben angesichts der Katastrophe? Welche Worte wähle ich? Wie verhalte ich mich richtig? Solche Fragen stelle ich mir auch dann, wenn ich auf einer Trauerfeier den nahen Verwandten des Verstorbenen begegne. Und genauso fühlt es sich ja auch an – als kämen wir alle aus Haltern, als hätten wir die Schülergruppe und alle anderen Passagiere persönlich gekannt. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir alle Charlie, jetzt sind wir alle 4U9525. Im Liveticker von n-tv ist eine Nachricht der portugiesischen Parlamentspräsidentin zu lesen: „Heute sind wir alle Deutsche und Spanier“.

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Echt tierisch!

Das erste Buch, das ich von Konrad Lorenz gelesen habe, war „So kam der Mensch auf den Hund“. Ich war damals noch recht jung für Verhaltensbiologie, zehn oder elf vielleicht, aber ich liebte diese Geschichten und wusste von jenem Zeitpunkt an, dass ich später, als Erwachsene, genau das Gleiche tun wollte wie er: Mich in der Natur oder zumindest in Gegenwart von Tieren aufhalten, deren Verhalten beobachten und wunderbare Geschichten darüber schreiben.
Diese Zukunftsvision löste den Berufswunsch ab, den ich zuvor gehegt und als etwa Siebenjährige entwickelt hatte, nämlich Tierärztin zu werden. Dem eigentlichen Thema – mich um Tiere zu kümmern – bin ich also treu geblieben, nur das Umfeld hatte sich verändert. Von einer belebten und mit unterschiedlichsten Vier- und Zweibeinern gefüllten Tierarztpraxis hin zu endlosen Stunden draußen in der Natur.
Das Ganze steigerte sich in meiner Spätpubertät zu einer tiefen Sehnsucht nach Kanada zu gehen, in eine einsame Berghütte zu ziehen und Wölfe zu beobachten. Eine Art Symbiose also zwischen Diane Fossey (Heldin meiner Jugend) und dem Mann in den Bergen (Held meiner Kindheit). Im Gegensatz zu den beiden ging es mir damals allerdings nicht  um den Schutz und die tatsächliche Erforschung von Tieren. Sondern vor allem darum, dass ich von Menschen nichts mehr wissen wollte.

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Kann ich helfen?

Eigentlich eine schöne Sache, wenn dir ein Mitmensch diese Frage stellt, oder? Wo wären wir, wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen würden! Brisant kann die Sache dann werden, wenn die Angesprochene behindert ist und der Fragesteller nicht.
Die meisten Leute fragen in solch einer Situation erst gar nicht. Manchmal stelle ich mich im Supermarkt eine Weile vor ein Regal und schmachte das Marmeladenglas in der obersten Reihe an. Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen an mir vorbeirauschen, ohne mich wahrzunehmen, zumal ich sonst ja durchaus langanhaltend und ausgiebig beobachtet werde.
Einige Leute helfen ungefragt. „Sie wollen das hier, nicht wahr?“, heißt es dann und ich habe plötzlich ein Glas Honig in der Hand. Bevor ich „Nein“ sagen kann, ist mein spontaner Helfer schon im nächsten Gang verschwunden. Und ich darf schauen, wie ich das Glas wieder zurück ins Regal bekomme.
„Also wie ist das jetzt?“, hat mich neulich ein Bekannter gefragt. „Willst du überhaupt, dass man dir hilft? Eigentlich willst du doch alles allein machen!“
„Kommt darauf an“, war meine nicht sehr hilfreiche Antwort.

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Wie klein ist eigentlich klein?

Wie klein ist eigentlich klein?
Hallo – ich bin die „kleine Frau zwischen Alltag und Erleuchtung“ und was ich meine, wenn ich mich als „kleine Frau“ bezeichne, würde ich gern erklären. „Klein“ bedeutet in meinem Fall 125 cm groß. Oder eben nicht groß. In etwa so wie ein sechs- bis siebenjähriges Kind.
Mit 125 cm ist man kleinwüchsig, ziemlich sogar, denn nach medizinischer Definition sind das derzeit alle Frauen unter 140 cm und alle Männer unter 150 cm. „Derzeit“ deswegen, weil dieser Wert an die durchschnittliche Körpergröße angepasst wird und die Kurve stetig nach oben geht, das heißt, die Menschen in unseren Breitengraden werden immer größer.

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Der Innere Meckerer

Internes Memo an:
Den Inneren Meckerer

Lieber Meckerer,

zunächst möchten wir uns ganz herzlich bei Dir bedanken. Du bist seit etlichen Jahren, im Grunde seit wir unser Ich-Unternehmen gegründet haben, fester Bestandteil unseres Inneren Teams. An den allermeisten Entscheidungen, die wir für das Unternehmen getroffen haben, warst Du beteiligt und hast unermüdlich daran gearbeitet, uns Deine Sichtweise darzulegen. In schwierigen Zeiten warst Du stets zur Stelle um uns klarzumachen, dass die anderen an allem Schuld sind und dass die Welt an sich ungerecht und gemein ist. Wenn wir feststellten, dass unser Unternehmen nicht so erfolgreich ist, wie es eigentlich sein könnte, hast Du uns stets ermahnt, bescheiden zu sein, nichts zu erwarten – vor allem nichts Gutes – und zufrieden zu sein mit dem, was wir haben.

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