Fremd ist ganz schön strange …

Mit neunzehn stand ich in Heidelberg an einer S-Bahn-Haltestelle vor dem Fahrkartenautomat und habe nur Bahnhof verstanden. Oder eigentlich noch weniger als Bahnhof, denn dann hätte ich ja zumindest ein Fahrtziel gehabt.
Mal abgesehen davon, dass sämtliche Knöpfe und Schlitze an solch einem Automaten unerreichbar sind für jemanden, der nur einen und einen viertel Meter groß ist, hätte ich auch gar nicht gewusst, welche Knöpfe ich drücken soll, wenn ich denn drangekommen wäre. Einzelticket, Tagesticket, Zonentarif … ich hatte wirklich keinen Schimmer.
Damals war ich überrascht, als schon nach etwa einer Minute, in der ich stirnrunzelnd und mit leicht sehnsuchtsvollem Blick auf den Kasten starrte, jemand an mich herantrat und mir Hilfe anbot. Das war ich von dem verschlafenen Kurstädtchen, in dem ich aufgewachsen bin, nicht gewöhnt. Dort mischt man sich nicht so schnell in anderer Leute Angelegenheiten. Dort wartet man, bis man gefragt wird, man will ja schließlich nicht aufdringlich sein.

Auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, Hilfsangebote anzunehmen – vielleicht aufgrund genau dieser Sozialisation – damals war ich dankbar dafür. Weil es mir half, tatsächlich zum Bahnhof zu kommen und vor allem, weil mir erklärt wurde, was ich zu tun hatte und ich mich dadurch in der fremden, großen Stadt wieder ein Stück sicherer fühlte. (Heidelberg ist eine Großstadt, wenn man aus der hohenlohischen Provinz kommt!)

Einige Jahre später in Karlsruhe waren Fahrkartenautomaten kein Thema mehr – ich kam zwar immer noch nicht an die Knöpfe, fühlte mich aber sicher genug, um andere Fahrgäste mit dem in Heidelberg erlernten Vokabular anzusprechen: „Können Sie mir ein Einzelticket für Zone zwei ziehen? Ich hab’s auch passend, danke!“
Trotzdem gab es auch in Karlsruhe Situationen, in denen ich mich provinziell, unerfahren und fremd fühlte. Beim Besuch einer Kneipe namens „Bierakademie“ war ich so naiv, einfach „Ein Bier!“ zu bestellen. Der Kellner kniff die Augen zusammen. „Welches?“
Ich, noch selbstbewusst: „Pils!“
Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers wurde mitleidig. „Welches?“
Es gab tatsächlich an die hundert Biersorten in dieser Kneipe und als ich nach einem Blick auf die große Tafel ein bekanntes Flaschenbier aus Bremen bestellte, weil mir dieser Name als einziger vertraut war, war ich beim Kellner endgültig untendurch. Wieder beherrschte ich weder das nötige Vokabular noch die Umgangsregeln. Beim nächsten Mal stellte ich mich geschickter an und fragte: „Können Sie mir etwas Besonderes empfehlen?“ Es folgte eine kurze Diskussion, in denen Begriffe wie „ober- oder untergärig“, „mild oder herb“ und „blond oder schwarz“ eine Rolle spielten, schlussendlich bekam ich ein dunkles Bier, was mir nicht besonders schmeckte, aber der Kellner war zufrieden mit mir.

Ganz ehrlich – wer von uns kennt nicht diese Momente, in denen man sich plötzlich vollkommen fremd vorkommt, in denen man froh wäre, man würde wenigstens noch „Bahnhof“ verstehen? Dazu muss man noch nicht einmal die eigenen vier Wände verlassen – meine erste Steuererklärung versuchte ich an meinem Küchentisch auszufüllen und ich weiß, dass ich mich mehrmals fragte, ob die vor mir liegenden Formulare tatsächlich in meiner Muttersprache abgefasst wären.

Die Menschen, die derzeit ihr Leben riskieren, um in Länder zu gelangen, die für sie vollkommen fremd sind, haben definitiv andere Sorgen als Steuererklärungen auszufüllen oder Ticketautomaten zu bedienen. Aber welche Sorgen haben eigentlich die, denen das Fremde soviel Angst macht? Wie eingefahren, routiniert und leblos muss ein Leben sein, in dem nicht immer wieder – okay, vielleicht nicht jeden Tag, aber einmal die Woche? Einmal im Monat? – irgendetwas Neues, Unbekanntes, noch nie Dagewesenes passiert. Und wie viel Neues, Unbekanntes, noch nie Dagewesenes muss passieren, damit es einen nicht mehr aus der Bahn wirft?

Ich bin einige Male umgezogen, habe ein paar europäische Länder bereist und öfter die berufliche Richtung gewechselt. Und ich bin kleinwüchsig in einer Welt, die nicht für Kleinwüchsige gemacht ist, was allein schon immer wieder für unerwartete Situationen sorgt.
Übrigens bedeutet „anders“ sein nicht, dass man automatisch frei ist von Vorurteilen. Es kann ganz im Gegenteil auch dazu führen, dass man sich mit anderen „Anderen“ zusammenschließt und vom großen Rest nichts mehr wissen will. Für jemanden, der ausgegrenzt wird, ist es eine harte Nuss, Toleranz zu lernen, vor allem mit denjenigen, die ausgrenzen.

Ich bin selbst immer mal wieder in Situationen gekommen, die mich staunen ließen, wie eng die Bilder in meinem Kopf sind. Vor etlichen Jahren war ich im Zug unterwegs, von Darmstadt nach Hause in meine verschlafene Provinz. Ich fand Platz in einem Abteil, mir gegenüber saß ein Farbiger in einem knallbunten, afrikanischen Kaftan, der mich nicht groß beachtete. Das für mich zu dieser Zeit noch neue und ungewohnte Studentenleben, vor allem die ausgiebigen nächtlichen Kneipendiskussionen, zollten ihren Tribut, ich wurde müde und schlief ein, was mir im Zug wirklich selten passiert. Dementsprechend schreckte ich irgendwann hoch, wusste nicht, wie weit wir schon gekommen waren und fragte mein Gegenüber: „Sind wir schon an Lauda vorbei?“
So wie er da saß, in seiner exotischen Kleidung, war ich mir zugegeben nicht sicher, ob er mich überhaupt verstehen würde. Dass ich seine Antwort verstand, hatte damit zu tun, dass ich meine allerersten Lebensjahre nicht in der hohenlohischen Provinz, sondern in der Nähe von Stuttgart verbracht habe. Seelenruhig und in tiefstem Schwäbisch erwiderte er: „Na. Kannscht hogga bleiba, mer messet no zwoi Statione!“
Mir fiel buchstäblich die Kinnlade herunter und als mir irgendwann klar wurde, dass ich ihn genauso anstarrte, wie andere Leute mich häufig anstarren, fing ich an zu grinsen. Wir lachten beide herzlich über die Situation. Und während wir noch zwei Stationen fuhren, erklärte er mir, dass ihm so etwas öfter passiere, er sich aber stets darüber freue, wenn er die Menschen zum Nachdenken bringen und ihnen zeigen könne, dass etwas Fremdes gar nicht so strange sein muss, wie es manchmal den Anschein hat.

18 Gedanken zu „Fremd ist ganz schön strange …

    • Danke Dir! Und vor allem auch Danke für den Aufruf, ohne den der Artikel wahrscheinlich gar nicht entstanden wäre!

  1. Jaja , so isses ! Solche , oder ähnliche Situationen wird wohl jeder kennen .Dummerweise kann ich mich da nicht ausschließen……und ich gebe das höchst ungern zu ! 😉

  2. „Jeder ist ein Fremder – fast überall.“ Dieser Spruch, ich weiß nicht von wem er ist, fiel mir beim Lesen wieder ein. Und so ist es auch. Hast Du hier gut beschrieben, Katja. VG, Gabi.

  3. Da fiel mir doch sofort der Umzug 1970 von Köln nach Scharnhausen auf den Fildern ein, Himmel nochmal, ich stand im Tante-Emma-Laden und verstand kein Wort und um überhaupt mal das einkaufen zu können, was ich wollte und nicht das, was die Ladeninhaberin meinte, was gut für mich wäre (Fremdsprache pur), bin ich lieber nach Esslingen in einen der damals noch wenigen Supermärkte gefahren.
    Und was mir wieder mal stark bewusst wurde, man kann versuchen, sein Kind auf vieles vorzubereiten, aber wohl nie auf alles – Automaten sind da nur ein kleines Beispiel.
    Du hast hier echt ein paar richtig gute Beispiele gebracht – einfach so, aus dem normalen Alltag und bei der Antwort Deines Gegenüber im Zug hätte mir wohl die Kinnlade runter fallen lassen …
    LG Gitta

    • Wäre bestimmt interessant gewesen, mal zu sehen, was die Damen des Dorfes der jungen Neigschmeckten so eingepackt hätten :-)
      Und nein – man kann kein Kind auf alles vorbereiten. Aber dafür sorgen, dass es neugierig bleibt und kreativ und selbstbewusst genug, um auch mit unbekannten Situationen umzugehen :)

  4. Ein schöner Beitrag; ich habe jetzt nicht groß was beizutragen, aber DAS wollte ich mal schnell sagen, zumal ich erstmals dies‘ Blog besuche :-)

  5. Mit Humor kann man auch dem ernstesten Thema die Schärfe nehmen und es trotzdem nicht lächerlich machen. Das hast Du ganz wunderbar hingekriegt!

    • Vielen Dank, liebe Angela. Es ist soviel Schreckliches derzeit zu lesen und zu hören … deswegen wollte ich anders an die Thematik herangehen.

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