Der Innere Meckerer

Internes Memo an:
Den Inneren Meckerer

Lieber Meckerer,

zunächst möchten wir uns ganz herzlich bei Dir bedanken. Du bist seit etlichen Jahren, im Grunde seit wir unser Ich-Unternehmen gegründet haben, fester Bestandteil unseres Inneren Teams. An den allermeisten Entscheidungen, die wir für das Unternehmen getroffen haben, warst Du beteiligt und hast unermüdlich daran gearbeitet, uns Deine Sichtweise darzulegen. In schwierigen Zeiten warst Du stets zur Stelle um uns klarzumachen, dass die anderen an allem Schuld sind und dass die Welt an sich ungerecht und gemein ist. Wenn wir feststellten, dass unser Unternehmen nicht so erfolgreich ist, wie es eigentlich sein könnte, hast Du uns stets ermahnt, bescheiden zu sein, nichts zu erwarten – vor allem nichts Gutes – und zufrieden zu sein mit dem, was wir haben.

Und damit wir uns darauf nicht ausruhen, hast Du uns sofort darauf hingewiesen, dass Zufriedenheit uns eigentlich gar nicht zusteht, solange wir nicht die Vorgaben unserer Eltern, der Gesellschaft oder unserer eigenen Unternehmens-Philosophie erfüllt haben. Wenn uns einmal ein Fehler unterlaufen ist, warst Du der erste, der darauf hingewiesen hat, und zwar jeden Tag, immer und immer wieder, und Du hast uns auch klar gemacht, warum es viel wichtiger ist, sich an seine Fehler zu erinnern als an das, was man gut gemacht hat.

Wenn unser Unternehmen dabei war, neue Investitionen in Sachen Freundlichkeit und Nähe zu tätigen, hast Du uns auf die Instabilität der Märkte hingewiesen und mit hocherhobenen Augenbrauen gefragt, ob wir denn tatsächlich alles riskieren wollen, was wir bisher aufgebaut haben.
Die wenigen Male, bei denen wir ernsthaft an einem Joint Venture mit einem anderen Unternehmen interessiert waren, hast Du uns in täglichen Briefings auf die möglichen Gefahren aufmerksam gemacht. Wir erinnern uns noch gut daran, wie Du warntest: „Selbst wenn es eine Weile gut geht, könnten wir unsere Identität als eigenständiges Unternehmen verlieren und ob wir dann noch eine Chance auf dem Markt haben …“
Nach gescheiterten Joint Ventures und ausgiebigen Fehleranalysen hast Du uns geraten, nach vorne zu schauen und das Vergangene unter den Teppich zu kehren, auch wenn Du Dir ein gelegentliches „Habe ich es nicht gleich gesagt?“ nicht verkneifen konntest. Deine Liste: „Bedingungen, die ein anderes Unternehmen erfüllen muss, um ein Joint Venture mit ihm einzugehen“ wurde immer länger, bis Du uns beinahe davon überzeugt hattest, jegliche Zusammenarbeit mit anderen komplett einzustellen.

Lieber Meckerer, an all das erinnern wir uns und wir ahnen, dass Deine Dienste notwendig waren, weil sie unserem Unternehmen häufig ein Gefühl von Kontrolle und Handlungsfähigkeit vermittelt haben. Leider müssen wir Dir nun jedoch mitteilen, dass die Unternehmensführung eine Überarbeitung der Firmenphilosophie angeordnet und neue Statuten für die Mitarbeiterführung vorgelegt hat. Nach ausführlicher Analyse mussten wir feststellen, dass wir noch weit davon entfernt sind, das Optimum an Erfolg, Glück und Zufriedenheit aus unserem Unternehmen herauszuholen. Intensives Consulting hat uns davon überzeugt, die Beschwerdeabteilung, der Du, lieber Meckerer, vorstehst, bis auf unbestimmte Zeit zu schließen. Stattdessen werden die Abteilungen „Motivation“, „Liebevolle Zuneigung“ und „Konstruktives Konfliktmanagement“, die wir auf Dein Anraten lange geschlossen hatten, nun wieder eröffnet.

Wir sind uns Deiner Fähigkeit, Glaubenssätze und Urteile zu formulieren, durchaus bewusst, daher möchten wir Dir eine firmeninterne Umschulung anbieten. Solltest Du bereit sein, in die Abteilung „Motivation“ zu wechseln und mit dem gleichen Engagement wie bisher an der Entwicklung positiver Affirmationen für unsere neue Marschroute zu arbeiten, könnten wir uns eine weitere Zusammenarbeit vorstellen. Solltest Du auf Deinen alten Posten beharren, müssen wir uns leider in absehbarer Zeit von Dir trennen. Bitte teile uns Deine Entscheidung innerhalb der nächsten Tage schriftlich mit. Bis dahin wünschen wir Dir alles Gute.
Die Unternehmensführung.

Nachtrag, eine Woche später: Seit ich den Meckerer auf Umschulung geschickt habe, musste ich feststellen, dass meine Beschwerdeabteilung immer noch gut besetzt ist. Da gibt es die Ewige Zweiflerin, den Fiesen Zyniker und derzeit drängt sich auch gerne mal die Olle Schwarzseherin nach vorne. Wer hat nur all diese Stellenbeschreibungen entworfen? Ich habe jedenfalls noch ein bisschen zu tun, bis ich mein Inneres Team auf den neuen Kurs eingeschworen habe.
Wie sieht Deine Beschwerdeabteilung aus? :-)

2 Gedanken zu „Der Innere Meckerer

  1. Liebe Katja,
    erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deinem Blog! Ja diesen Meckerer habe ich auch. Und ich muss sagen, das es auch ganz gut ist, das er da ist. Er lässt einen wenigstens immer schön mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben in gewissen Situationen. Obwohl…..mitunter möchte ich ihn ja echt kündigen!!

    Liebe Grüsse von Kerstin

    • Danke für Deinen Kommentar, Kerstin. Ich schätze, den Meckerer haben wir alle, und manchmal sind seine Kommentare auch hilfreich, es darf nur nicht zuviel werden!

Kommentare sind geschlossen.