Kann ich helfen?

Eigentlich eine schöne Sache, wenn dir ein Mitmensch diese Frage stellt, oder? Wo wären wir, wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen würden! Brisant kann die Sache dann werden, wenn die Angesprochene behindert ist und der Fragesteller nicht.
Die meisten Leute fragen in solch einer Situation erst gar nicht. Manchmal stelle ich mich im Supermarkt eine Weile vor ein Regal und schmachte das Marmeladenglas in der obersten Reihe an. Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen an mir vorbeirauschen, ohne mich wahrzunehmen, zumal ich sonst ja durchaus langanhaltend und ausgiebig beobachtet werde.
Einige Leute helfen ungefragt. „Sie wollen das hier, nicht wahr?“, heißt es dann und ich habe plötzlich ein Glas Honig in der Hand. Bevor ich „Nein“ sagen kann, ist mein spontaner Helfer schon im nächsten Gang verschwunden. Und ich darf schauen, wie ich das Glas wieder zurück ins Regal bekomme.
„Also wie ist das jetzt?“, hat mich neulich ein Bekannter gefragt. „Willst du überhaupt, dass man dir hilft? Eigentlich willst du doch alles allein machen!“
„Kommt darauf an“, war meine nicht sehr hilfreiche Antwort.

Es stimmt schon – allein klar zu kommen, unabhängig zu sein und niemanden zu brauchen war lange mein wichtigstes Ziel. Meine gelegentlichen Rückenschmerzen hängen sicherlich damit zusammen, dass ich „niemanden brauchen“ früher mit „Bierkästen allein ins Haus schleppen“ gleichgesetzt habe. Obwohl oder vielleicht gerade weil ich oft in WGs gewohnt habe, es also kein Problem gewesen wäre, jemanden um Unterstützung zu bitten. Aber ich wollte es ja allein hinkriegen. Aus dem gleichen Grund löse ich auch die Sache mit dem Einkaufen meist recht pragmatisch: Die Dinge, an die ich nicht drankomme, brauche ich auch nicht! Und falls ich sie doch brauche, fahre ich eben noch bei einem anderen Supermarkt vorbei, der sie in erreichbarer Höhe stehen hat.
Nicht-Fragen-Müssen hat extrem viel mit Management zu tun. Ich weiß, wo die Geldautomaten stehen, aus denen ich tatsächlich Geld bekomme. Oder welcher Supermarkt Einkaufswägen hat, die ich benutzen kann. Oder eben: Wo welche Lebensmittel im Regal stehen. Da mein Leben und meine Bedürfnisse aber nicht immer geplant und durchstrukturiert sind, und ich auch nicht immer Lust habe, noch in einen anderen Supermarkt zu fahren, will ich manchmal eben doch die Marmelade im oberen Regal haben. Und dann frage ich auch mal direkt: „Entschuldigung, können sie mir etwas runtergeben?“
Okay – ich habe es wirklich noch nie erlebt, dass jemand sagt: Nö, keine Zeit, keine Lust oder was auch immer. Manch einer überhört das „Entschuldigung“ und ist weg, aber die Allermeisten sagen „Ja klar“ und geben mir, was ich möchte. Also ist das Ganze eigentlich überhaupt kein Problem.
Und trotzdem: Manchmal nervt es einfach, andere fragen zu müssen, ob sie einen etwas geben, holen oder tragen können. Das sind genau die Momente, wo mir bewusst wird, dass ich behindert bin – in dem Sinne, dass diese Welt, so wie sie konstruiert ist, mich daran hindert, das zu tun, was ich tun möchte.
Auf der anderen Seite: Wer kann schon alles tun, was er möchte? Wer braucht nicht ab und zu Unterstützung? Im Buddhismus gibt es eine schöne Meditation, bei der man sich bewusst macht, wie sehr man zu jedem Zeitpunkt von anderen abhängig und mit anderen verbunden ist. Keiner von uns lebt als einsamer Selbstversorger, wir alle sind darauf angewiesen, dass andere für uns Konsumgüter produzieren, haltbar machen, verpacken und dorthin bringen, wo wir sie erwerben können. Insofern ist unabhängig sein eigentlich gar nicht das Ziel, oder? Es geht viel mehr um selbstbestimmt sein und leben. Und das heißt bei uns nun mal: Die Marmelade kaufen, auf die man Lust hat. Wenn man sie sich denn leisten kann. Und wenn man drankommt.
Will ich, dass man mir hilft? Ja klar! Ich finde es super, wenn man mir hilft. Besonders, wenn ich vorher gefragt werde. Wenn es auf Augenhöhe geschieht. Und damit meine ich nicht, dass sich jeder Normalwüchsige erst hinknien soll, bevor er oder sie mich anspricht! Es geht mehr um die „innere“ Augenhöhe, um die Motivation, die hinter dem Hilfsangebot steckt. Auf Anflüge von „Gott, die Arme“ oder „Oh je, Sie haben’s aber auch nicht leicht“ reagiere ich nach wie vor ausgesprochen allergisch.
Leichter wird es, wenn Selbstverständlichkeit oder sogar Humor mit ins Spiel kommen. So wie in dem Film „Ziemlich beste Freunde“, als Driss auf die Bitte des gelähmten Phillippe grinsend antwortet: „Keine Arme – keine Schokolade!“
In meinem Fall hieße das dann: Kleene Beene – keene Marmelade!
Have fun :-)

14 Gedanken zu „Kann ich helfen?

  1. Liebe Katja!
    Toll hast Du das wieder gemacht! Klasse! Bin gespannt, was noch so kommt…
    Ja, das mit dem Helfen ist so eine Sache. Da braucht man halt ein wenig Einfühlungsvermögen und einen wachen Blick. Leider haben das offenbar nur noch wenige Zeitgenossen…
    Liebe Grüße – Angela

  2. Danke für Deinen Kommentar, liebe Angela!
    Ja, der wache Blick ist sicherlich hilfreich, es gibt nun mal auch keine Patentrezepte. Das Wichtigste ist und bleibt Kommunikation, denke ich!

  3. liebe Katja,
    schön, was Du hier auf die Be(e)ine gestellt hast. Die Idee ist großartig.
    Ich freue mich schon aufs weiter lesen.

    Dazu muss ich noch erwähnen, ich bin auch nicht gerade groß, 154 cm, und vieles geht mir auch so wie Dir. Es ist manchmal schon schlimm wenn ich da nicht hinaufkomme wo zB grad die Kondensmilch steht. Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich alles aus versehen runter geschmissen. Doch die Leute, die an mir vorbei gelaufen sind, haben mir beim aufheben geholfen. Manches mal schimpfe ich vor mich laut hin, „Schrecklich, alles nicht für kleine Leute gemacht.“ Oder; „nichts ist Zwergen gerecht.“ Meistens frage ich aber jemand, wenn ich durchaus nicht an etwas ran komme. Auch habe ich früher immer zu hören bekommen, „Du bist aber auch zu klein.“ Dann habe ich immer geantwortet, „klein aber oho, mein Hirn ist voll funktionsfähig, es ist vielleicht größer als bei vielen anderen.
    Ich freue mich Dich kennengelernt zu haben und ich freue mich auf Neues von Dir.
    Herzlichst,
    Christa

  4. Mit einem schmunzeln, aber auch mit traurigen Erinnerungen habe ich diesen Beitrag gelesen. Mein Mann wollte auch immer alles selber machen. Und das was nicht ging, ging eben nicht. So hatte er so manches mal ein Hindernis zu überwenden, bei dem selbst ich ihm nicht helfen konnte, z. B. eine alte Steintreppe zu einem öffentlichen Garten. Zu einem Mann der uns helfen wollte meinte er „Nein, danke! Wenn das der einzige Eingang ist, sind solche wie ich nicht erwünscht.“ Und bei dieser Meinung blieb er auch in anderen Fällen.
    Ich schaue bestimmt noch öfter vorbei.

    Liebe Grüße Ute

    • Liebe Ute, danke für Deine Zeilen, die auch mich nachdenklich machen und schmunzeln lassen. Manchmal ist die innere Würde wichtiger als irgendein Ort, den man erreichen will!

  5. Hey Katja, herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Blog. Wünsche dir ganz viel Freude und Erfolg damit!!! Du hast eine sehr schön, fesselnde Schreibe!!!
    (und beim nächsten Mal vor dem Marmeladenregal werde ich an dich denken*gg*)

    Hau in die Tasten!!! Tina :-)

  6. Liebe Katja,
    sofort als ich von dieser Seite gelesen habe, wusste ich, das ich sie weiter lesen möchte. Auch wenn mir das Lesen aus gesundheitlichen Gründen noch sehr schwer fällt.
    Zu deinen,“ja ist das ein Problem oder kein Problem“, kann ich nicht sagen, da ich noch zu den sogenannten etwas größeren Menschen gehöre. Aber ich habe Mitte der 70ger Jahre als ich meine Fachhochschulreife nachholte um in meinen damaligen Beruf weiter zu kommen, drei Jahre in einen Internat gelebt, in denen überwiegend „Behinderte“ Menschen gelebt haben. Das Wort „Behindert“ schreibe ich seit dem Absichtlich in „“ „“ Ich hatte es hier mit u. A. „Kleinwüchsigen, Rollstuhlfahrern, Spastisch behinderten Menschen“ usw zu tun.
    Ich sage heute noch, ich habe nie soviel menschliche Liebe und Ehrlichkeit erlebt. Obgleich es auch dort manchen Satansbraten gab. Von diesen Menschen habe ich gelernt,
    :frage nie einen von uns ob du ihn helfen kannst und versuche nie uns eine Sache abzunehmen. Denn gerade wir wollen uns alleine helfen und wenn wir nicht weiter kommen, dann können wir fragen. Dieses einen anderen fragen zu können gehört zur Förderung unseres Selbstbewusst seins. Denn du selber fragst doch auch einen Anderen um Hilfe wenn du sie brauchst, oder? Als betrachte uns bitte als deines Gleichen.
    Dadran habe ich mich eigentlich immer gehalten.
    Ich habe dann allerdings die Erfahrung gemacht, dass Menschen die von Geburt an mit gewissen Nachteilen aufgewachsen sind, mich tatsächlich um Hilfe angesprochen haben. Nur solche die durch später eingetroffene Schicksalsschläge zu hilfsbedürftigen wurden, erwarten dass man sie kommentarlos hilft. Dann macht man natürlich als Hilfsbereiter Mensch Fehler und wird dann auch noch ausgemeckert.
    Die Realität ist aber das die, die zu den sogenannten unbehinderten Menschen gehören, eigentlich nur Hemmungen haben, weil sie unaufgeklärt sind. Damit dieses aber anders wird, dazu kannst du beitragen, in dem du einen Anderen fragst, ob er dir das Marmeladenglas reichen würde. Dadurch hilft er nicht nur dich, sondern du auch ihn. Denn du hast ihn eine Hemmschwelle genommen und er wird dich das nächste mal bestimmt ansprechen und sich mit dir ganz normal unterhalten. Vielleicht hast du sogar einen Freund gewonnen.

    Bis zum nächsten mal, Tschüß
    und grüße Deine Mutter von mir, sie ist auf BX nämlich meine Beste Freundin.

    Maxe

    • Danke für Deinen Kommentar, lieber Maxe. Dass es bei diesem Thema auf beiden Seiten Verunsicherungen gibt, ist mir durchaus bewusst, unter anderem deswegen möchte ich mit meinen Artikeln auch zur Diskussion anregen und freu mich, dass hier so tolle Kommentare von Euch kommen :)

  7. Jasas, Gudschde,

    Vom zyprioten die liebsten Grüße in Norden.
    Was zum Schmökern für unterwegs, bald gehts weiter, fein, fein, auf dem Laufenden zu sein bei dir und der alten Heimat

    Byebye
    Wolfgang

    • Moin, moin, mein Bester,
      schön, Dich zu lesen, hoffentlich bald mehr auf Deinem Blog! :-)
      Schöne Grüße aus dem Norden, der Frühling kämpft sich durch und wird wie immer siegen!

  8. Liebe Katja,

    ein einleitender Beitrag zu deinem tollen Blog, der nachdenklich stimmt.
    „Kann ich helfen?“
    Man sagt es vielleicht oft bei alltäglichen Gelegenheiten, generell aber noch zu selten. Und dann gibt es all jene Gelegenheiten, wo wir doch einfach zupacken/helfen könnten, ohne groß zu fragen.
    In deinem Fall würde es sicher einiges erleichtern.
    Ich überlege gerade, warum Menschen da wohl immer noch eine Scheu haben, „Behinderungen“ als etwas ansehen, das sie in ihrem natürlich-menschlichen Verhalten blockiert. Ich denke, noch immer ist alles, was von unserer „so geliebten Norm“ abweicht, für viele Menschen befremdlich, ungewohnt.
    Dann denke ich manchmal: Hat nicht jeder seine spezielle „Behinderung“, oft auch mehrere, wo er sich im Alltag schwer tut. Gern Hilfe annehmen würde. Hier fehlt es an einem ungezwungenen Umgang miteinander. Manchmal ist es sicher auch eine gewisse Oberflächlichkeit, ein nicht Hinschauen in so vielen bereichen des Lebens.

    Du schilderst alles sehr unverkrampf und der Leser spürt einfach, dass dein Anliegen sich nicht nur auf dich bezieht. Der erhobene Zeigefinger sowie ein moralischer Anspruch fehlen. Das gefällt mir sehr.

    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und Freude mit deinem Blog, den ich gern immer wieder besuchen werde.

    Sonnige Frühlingsgrüße
    Enya

    • Liebe Enya, etwas verspätet aber trotzdem von Herzen kommt mein Dank für Deinen Kommentar, es ist wirklich schön, dass meine Zeilen Dich so erreicht haben. Übrigens: Der nächste Artikel könnte Dich an eine Diskussion erinnern, die wir neulich auf Fb hatten …

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