Echt tierisch!

Das erste Buch, das ich von Konrad Lorenz gelesen habe, war „So kam der Mensch auf den Hund“. Ich war damals noch recht jung für Verhaltensbiologie, zehn oder elf vielleicht, aber ich liebte diese Geschichten und wusste von jenem Zeitpunkt an, dass ich später, als Erwachsene, genau das Gleiche tun wollte wie er: Mich in der Natur oder zumindest in Gegenwart von Tieren aufhalten, deren Verhalten beobachten und wunderbare Geschichten darüber schreiben.
Diese Zukunftsvision löste den Berufswunsch ab, den ich zuvor gehegt und als etwa Siebenjährige entwickelt hatte, nämlich Tierärztin zu werden. Dem eigentlichen Thema – mich um Tiere zu kümmern – bin ich also treu geblieben, nur das Umfeld hatte sich verändert. Von einer belebten und mit unterschiedlichsten Vier- und Zweibeinern gefüllten Tierarztpraxis hin zu endlosen Stunden draußen in der Natur.
Das Ganze steigerte sich in meiner Spätpubertät zu einer tiefen Sehnsucht nach Kanada zu gehen, in eine einsame Berghütte zu ziehen und Wölfe zu beobachten. Eine Art Symbiose also zwischen Diane Fossey (Heldin meiner Jugend) und dem Mann in den Bergen (Held meiner Kindheit). Im Gegensatz zu den beiden ging es mir damals allerdings nicht  um den Schutz und die tatsächliche Erforschung von Tieren. Sondern vor allem darum, dass ich von Menschen nichts mehr wissen wollte.

Das Gefühl, nicht so recht in diese Welt zu passen, kennt wahrscheinlich jeder, in der Pubertät tritt es am häufigsten auf und Gründe gibt es unzählige. Weil man zu klein oder zu groß ist, weil man ausgegrenzt oder missachtet wird oder weil einem die eigenen Eltern mit ihrem Gedankengut und ihrer Lebensweise plötzlich wie Aliens vorkommen.
Es ist wunderbar, wenn man in einer solchen Phase gute Freunde um sich hat, noch hilfreicher kann es allerdings sein, wenn man in Gesellschaft eines oder mehrerer Tiere ist. Mädchen haben es da im Allgemeinen etwas leichter, sie dürfen Pferde lieben und überhaupt alles, was klein und niedlich und kuschelig ist. Glücklicherweise können Jungs zumindest eine enge Bindung zum Familienhund eingehen, wie auch Konrad Lorenz in den Anfangs erwähnten Geschichten eindrücklich zeigt. Ich weiß, so mancher Tierschützer wird jetzt aufstöhnen, wenn er an einsam gehaltene Kaninchen in viel zu engen Käfigen denkt, trotzdem fände ich es wundervoll, wenn viel, viel mehr Kinder die Möglichkeit hätten, eine enge und persönliche Bindung zu einem Tier aufzubauen.
Unser Haushalt wurde erst nach und nach, aber glücklicherweise recht früh in meiner Kindheit, zu einem mit Tieren bevölkerten. Irgendwo blieb eine Katze übrig, anderswo ein Kaninchen (das – ja, ich geb’s zu – eine Zeit lang einsam war, bis meine Meerschweinchenfamilie dazu kam). Mit zehn wollte ich einen Hund, nach vier Jahren Standhaftigkeit hatte ich einen. Ein schwarzes Zwergschnauzermädchen namens Aisha. Hundepsychologen sollten jetzt vielleicht kurz weghören, wenn ich schreibe, dass wir jahrelang unzertrennlich waren, dass sie mich in jede Kneipe, auf jedes Festival, eben zu jeder Gelegenheit begleitet hat. Optimal für sie war das sicherlich nicht immer, aber sie hat’s mit Fassung getragen, wofür ich ihr mein Leben lang dankbar sein werde. Ich weiß, dass mein Hund und meine anderen Tiere mich gerade in der Pubertät vor so einigem Blödsinn bewahrt haben und ich kenne viele, denen es genauso ging.
Was macht den Kontakt zu einem Tier zu etwas so Besonderem? Ich habe oft erlebt, wie alte oder psychisch kranke Menschen, die jeglichen Kommunikation mit ihresgleichen verweigern, in der Gegenwart eines Tieres plötzlich aufblühen und anfangen, von früher zu erzählen oder von der Freude, die sie in diesem Moment empfinden. Ich selbst habe etliche meiner Gedanken und Probleme nur mit meinen Tieren geteilt, in dem klaren Wissen, dass sie meine Worte sowieso nicht verstehen.
Trotzdem wusste ich, dass sie mir zuhören. Und mich nicht verurteilen. Nicht mit gutem oder gut gemeintem Ratschlag kommen, auch nicht mit Kritik oder Häme. Selbst dann nicht, wenn sie mir mit Eselsgeduld zu erklären versuchen, was sie möchten und ich es einfach nicht kapieren will. Selbst dann nicht, wenn ich unfair zu ihnen bin oder meinen inneren Frust an ihnen ausgelassen habe. Sogar Anatol, der einzige Hund, der mich bisher gebissen hat, hat das auf eine ausgesprochen höfliche Art getan. Hunde sind sowieso so ziemlich die höflichsten Lebewesen, die ich kenne. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Die einsame Hütte in Kanada habe ich nie gefunden, auch zur Verhaltensforschung hat es nicht gereicht, dafür zu einer Ausbildung als Heimtierpflegerin und Tierheilpraktikerin. Was vielleicht auch ganz gut so ist, denn so bin ich in meinen Mittzwanzigern zu der Erkenntnis gelangt, dass ich, wenn ich Tiere unterstützen will, um die Menschen irgendwie nicht herumkomme. Denn in aller Regel sind sie es, die dazulernen dürfen, wenn es zwischen Mensch und Tier Probleme gibt.
Konsequent wie ich manchmal sein kann, habe ich daraufhin Sozialpädagogik studiert, um den Mensch, das mir bis dahin eher unbekannte Wesen, etwas besser kennenzulernen. Und ich habe mich an einen Satz von Konrad Lorenz erinnert, den ich schon als Zehnjährige gelesen, aber erst Jahrzehnte später verstanden habe. In „So kam der Mensch auf den Hund“ schreibt er nämlich: „Nur jene Tierliebe ist schön und veredelnd, die der weiteren und allgemeineren Liebe zur gesamten Welt der Lebewesen entstammt.“
Erstaunlicherweise waren es gerade die Tiere, die mir das beigebracht haben!

13 Gedanken zu „Echt tierisch!

  1. Schön, gut und Nachdenkens wert, sind Deine Gedanken.
    Ich gehe konform mit ihnen, und für mich sind die Tiere sogar immer noch die besseren Menschen.
    Vielleicht weißt Du, ich bin eigentlich ein Hunde-Mensch. Ich liebe sie fast über alles. Ich hatte Hunde, eine Katze, Meerschweinchen, Kaninchen,Wellensittiche, und Zebrafinken.
    Ein Foxel begleitet mich durch meine Kindheit, sie war mein bester Kamerad.
    Inzwischen hatte ich vier Hunde (und jetzt wieder einen) Mein Lucky , den habe ich aus der Tierherberge, ist ein wunderbar eigensinniger Hund, er ist halb Dackel, halb Yorki. Er ist aber auch sehr sensibel, er bekommt genau mit, wenn es mir schlecht geht. Ich hatte ja über meine Lulu (Ein Rauhaardackel-Mädchen) einige Büchlein in BX veröffentlicht, Sie war ein prächtiges Hunde-Mädchen.
    Ach ja, zu erzählen gäb’s viel, aber von Dir etwas zu lesen macht mir Freude.
    Und vielleicht gibt ‚s ja doch nochmal die Gelegenheit eine Blockhütte zu finden, und sei ‚s auch nur in Deinen Träumen, oder etwa im Urlaub?

    Herzlichst, ♥
    Christa

    • Herzlichen Dank für Deinen Kommentar und Deine Erfahrungen, liebe Christa. Seit meiner ersten Hündin Aisha war ich auch nur während meiner Studienzeit ohne Vierbeiner. Sie sind einfach Teil meiner Familie. Und – ja – die Blockhütte habe ich in meinem Inneren gefunden :-)

  2. Kann nur untersteichen, was Du hier schreibst, liebe Katja. Es ist sehr lehreich mit Tieren zu leben und ich möchte hier das „MIT“ ganz dick schreiben. Wer in seinen Tieren die Persönlichkeit erkennt( und jedes Tier hat seine eigene! Wirklich!), der wird auch mit ihnen leben und so erkennen, wie viel sie ihm geben können. Liebe Grüße, Gabi.

  3. Hallo Katja,
    meine Mutter hat uns schon vor vielen Jahren von Konrad Lorenz erzählt und vorgeschwärmt und vorgelesen, weil sie seine Art, mit den Tieren zu leben und umzugehen so beeindruckend fand. Sie fand es immer toll, was er wie alles über das Verhalten der Tiere (und Menschen) herausgefunden hat. Daher weiss ich gut, was Du meinst…
    Wenn ich in „meiner“ Reha-Klinik Dienst habe und jemand will die Oma oder den Opa mit dem Hund besuchen, finde ich das gut und lasse sie gern mit dem Tier in die Cafeteria, obwohl es von der Leitung wohl nicht gern gesehen wird. Aber am Wochenende muss ich zum Glück niemanden fragen. Das tut den Patienten immer gut!
    Es gibt ja auch schon Altenheime, die Tierhaltung haben oder zulassen und sehr gute Erfahrungen damit machen. Schade, dass das immer noch viel zu wenig praktiziert wird.
    LG Angela

    • Danke für Deinen Kommentar, liebe Angela. Ich finde es auch klasse, dass immer mehr Heim, Kindergärten, Schulen und ähnliche Einrichtungen ihre Bedenken in Sachen Hygiene, Sicherheit und was auch immer sonst noch fallen lassen. Auch auf das Lernverhalten wirken sich Tiere positiv aus, weil sie Entspannung bringen!

  4. Hallo Katja,
    Zwar kenne ich K. Lorenz nicht, aber wie ich das so aus deinen Zeilen entnehme, war er wohl eine Art Pferdeflüsterer im übertragenen Sinn. Auch ich bin zeitweise mit Tieren groß geworden, daher verstehe und teile ich deine Liebe zu den Tieren. Tiere können wundervoll zuhören und spenden irgendwie Trotz. Das ist bei den Menschen leider nicht so, eher sind sie unberechenbar. Trotz allem finde ich es super, dass du zu der Erkenntnis kamst, dass Menschen vieles gerade bei Tieren verlocken und nur über sie die Hilfe für sie zu erreichen ist oder auch mittels Tieren den Menschen helfen kannst.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg bei deiner Arbeit.
    LG Manuela

    • Liebe Manuela, wenn Du Konrad Lorenz nicht kennst, schau Dir zumindest mal seine Tiergeschichten („So kam der Mensch auf den Hund“ und „Er redete mit dem Vieh …“) an, die sind wirklich wunderschön. Und vielen Dank für Deine Wünsche!

  5. Ein wirklich schöner und so nachvollziehbarer Beitrag.
    Eine meiner Nichten vertraute als Kind einem Goldfisch ihre Sorgen an. Und wenn sie bei uns war spielte sie liebevoll mit unserem Hund. Im Prinzip finde ich Kinder und Tiere auch gut. Leider sind aber nicht alle dafür geeignet. Für das Tier kann es auch zur Qual werden. In dem Fall sollten die Eltern mal vorsichtig forschen ob das Kind genug Einfühlungsvermögen besitzt oder ein anderer Grund vorliegt. Denn ein Tier ist kein Spielzeug.
    Für mich gehören Hunde zu meinem Leben. Und gerade sitzt so ein Exemplar neben mir und wartet auf sein Fressen.
    Liebe Grüße Ute

    • Da hast Du recht, liebe Ute, nicht alle Kinder sind in der Lage, mit Tieren umzugehen. Am besten klappt es oft, wenn Tiere von Beginn an im Haushalt sind, und natürlich müssen die Eltern die Verantwortung übernehmen und den Kids zeigen, wie es geht.

      • Und gerade daran mangelt es oft liebe Katja.
        Ich kannte zwei Familien in denen der Hund von den Kindern, wenn auch aus Unwissenheit, gequält wurde. Leider wurde es von den Eltern nicht erkannt. Und als der Hund sich wehrte wurde er als bösartig eingestuft und aus der Familie verbannt.

        • Ja, leider kommt auch so etwas immer vor. Meist liegen dann auch noch andere Dinge im Argen in solch einer Familie. Wer keine Verantwortung für sich selbst übernehmen kann, der kann es auch nicht für ein Tier …

  6. Liebe katja, ich habe zwei Setter die sind immer noch fit wie ein Turnschuh, daher kann ich auch unterstreichen was Du schreibst. Ein nachdenkenswerter Text!
    Meine Setterbücher sind noch bei BX.
    Familien mit kleinen Kindern rate ich nicht unbedingt zu großen Hunden,ab 10 Jahren ist es wohl kein Problem. Meine Enkel sind allerdings mit den Settern groß geworden, sie haben auf sie aufgepasst und ich habe sie nie allein gelassen damit.
    herzliche Grüße nach langer Zeit, Klärchen

Kommentare sind geschlossen.