Wo bitte geht’s zur Trauer?

Ich bin noch nicht lange in den sozialen Medien aktiv, daher sei mir eine Art kindliches Erstaunen gestattet über das, was seit Dienstag im Netz und im TV geschieht. Da geht es schon los: Kindliches Erstaunen – kann ich, darf ich so etwas schreiben angesichts der Katastrophe? Welche Worte wähle ich? Wie verhalte ich mich richtig? Solche Fragen stelle ich mir auch dann, wenn ich auf einer Trauerfeier den nahen Verwandten des Verstorbenen begegne. Und genauso fühlt es sich ja auch an – als kämen wir alle aus Haltern, als hätten wir die Schülergruppe und alle anderen Passagiere persönlich gekannt. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir alle Charlie, jetzt sind wir alle 4U9525. Im Liveticker von n-tv ist eine Nachricht der portugiesischen Parlamentspräsidentin zu lesen: „Heute sind wir alle Deutsche und Spanier“.

Offenbar haben das Internet und die modernen Medien ein Bewusstsein für etwas geschaffen, was den Mystiker aller Religionen schon seit Jahrtausenden bekannt zu sein scheint: Wir sind alle miteinander verbunden. Nichts existiert getrennt voneinander. Der Schlag eines Schmetterlingsflügels kann auf der anderen Seite der Erde einen Tornado auslösen, spekulieren die Chaos-Theoretiker. Und der Absturz eines Flugzeugs in den französischen Alpen schafft Solidarität auf der ganzen Welt und lässt nebenbei zwei Staaten zusammenrücken, die sich in der Vergangenheit offenbar gar nicht so einig waren, wie es den Anschein hatte.
Trotzdem. Irgendwie fühlt es sich befremdlich an, wenn beim Länderspiel Deutschland – Australien erst eine Schweigeminute für den verstorbenen Fußballer Wolfram Wuttke eingelegt wird und anschließend eine weitere für die Opfer der Flugzeugkatastrophe. Der Moderator betont, es seien auch Australier unter den Toten gewesen und man hätte sich nach reiflicher Überlegung entschieden, das Spiel nicht abzusagen, beinahe als müsse er das Geschehen rechtfertigen.
Noch befremdlicher wirkt es auf mich, wenn sich unsere Bundeskanzlerin zusammen mit Monsieur Hollande per Helikopter über die Absturzstelle fliegen lässt, so als wäre man in einem Katastrophengebiet, als hätte es ein Erdbeben oder eine Überschwemmung gegeben und man müsse sich nun vom Ausmaß der Schäden überzeugen, um entsprechende Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Und genau hier liegt meiner Meinung nach das Problem, oder vielleicht einfach nur das Außergewöhnliche an dieser Situation: Es gibt eben nichts zu tun!
Etwas ist geschehen, das wir einfach nur mit großem Erschrecken und anschließender Trauer zur Kenntnis nehmen können. Und nichts ist schwieriger als das, nichts ist schwieriger, als eine Weile still zu werden und der Trauer und dem Mitgefühl den Raum zu geben, den sie bräuchten. Viel leichter, viel befriedigender in solch einer Situation ist es, aktiv zu werden, nach außen zu gehen, die Trauer in einen Handlungsimpuls umzuwandeln. Indem man Hilfsaktionen organisiert, die eingerichteten Spendenhotlines abtelefoniert, über Maßnahmen nachdenkt, wie solche Katastrophen in Zukunft verhindert werden können. Oder seine Meinung in den Medien verbreitet. Oder Artikel schreibt, klar. Hauptsache man hat etwas zu tun, Hauptsache man kann etwas beitragen.
Aber was gibt es im Fall von 4U9525 beizutragen? Außer Trauer, Schock, Betroffenheit oder Angst? Und verdammt noch mal, natürlich darf man durch solch ein Ereignis schockiert und betroffen sein, auch wenn man nicht jeden Tag an die Toten in Syrien denkt, auch wenn man nicht jeden Monat für Brot für die Welt spendet oder diese Woche noch keine Avaaz-Aktion unterzeichnet hat. Man darf sogar wütend werden, was neben dem Handeln übrigens ein weiterer gut funktionierender Weg ist, um die Trauer nicht so nahe an sich heran zu lassen. Und wenn ich mir die Diskussionen in den sozialen Medien so anschaue, scheinen sich etliche für diesen Weg entschieden zu haben.
Die einen werden beschimpft, weil sie ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen, die anderen, weil sie es nicht tun. Die Berichterstattung wird massiv kritisiert, und zwar so detailliert, dass ich mich frage: Wer schaut sich das alles an? Und warum? Ist es wirklich so schwer, wenigstens für ein paar Momente still zu werden und den eigenen Gefühlen Raum zu geben? Und dann, anschließend,  die wunderbaren sozialen Medien nutzen, um etwas zu erfahren, das wesentlich mehr Trost spendet als Wut oder Aktionismus: Das Gefühl, mit seiner Trauer nicht allein zu sein. Schließlich sind wir alle 4U9525.

15 Gedanken zu „Wo bitte geht’s zur Trauer?

  1. Da gebe ich Dir vollkommen Recht, liebe Katja. Aber für Wut sehe ich in diesem Zusammenhang keinen Anlass. Auf wen oder gegen was sollte man hier denn wütend sein? Gegen das Schicksal, die Sterne? Das halte ich für ziemlich sinnlos. Mittrauern denke ich, ist das einzige, was man tun kann, egal was nun der Grund für den Absturz war.

    • Danke für Deinen Kommentar, liebe Angela. Ob Wut sinnvoll ist oder nicht, sei dahingestellt, es scheint jedenfalls eine häufige Reaktion auf Trauer zu sein. Die Diskussionen auf fb werden teilweise echt heftig geführt!

  2. Du konntest es nicht besser ausdrücken Katja.
    Irgendwie bin ich es müde den Fernseher oder Radio einzuschalten und immer wieder das selbe Thema zu hören. Es gibt Leute die schreiben, dann solle man eben abschalten. Aber bezahlen wir nicht alle unsere Gebühren, und haben recht auf vielseitige Informationen und Unterhaltung. Ich muss nicht andere trauern sehen, und auch nicht Mutmaßungen hören bevor irgendwas geklärt ist. Muss nicht gerade jetzt wissen wie Notfall Seelsorger arbeiten oder ständig Bilder der Unfallstelle sehen.
    Manchmal komme ich mir vor wie der Gaffer am Rande des Geschehens.
    Aber ich will auch mal wissen was im Rest der Welt passiert. Wo neue Kriege drohen, ob der Ölpreis wieder steigt usw. Und ich will auch wieder mal über einen guten Film lachen können. Oder mich wenigstens freuen.
    Das Leben geht weiter. Es genügt wenn wir eine Weile in aller Stille der Opfer gedenken. Die richtige Trauer sollte den Betroffenen vorbehalten sein.

    • Kann ich gut verstehen, liebe Ute. Man kommt nicht drumrum, wenn man den Fernseher einschaltet. Aber ich vermute, in wenigen Tagen wird ein neues Thema gefunden sein …

  3. Ich sehe es so wie Du, irgend wie geht es an die Substanz, doch anderseits, sind wir alle Voyeure.
    Jedoch, inzwischen ist man zur Erkenntnis gekommen, dass es eventuell gar kein Unfall war, sondern ein gemachter.
    Da muss ich an die Familie des Copiloten denken, wie können, wie dürfen sie mit dem Tod des Angehörigen umgehen?
    Etwas noch am Rande:
    Im Ihrem Komi schreibt Ute, “ Das Leben geht weiter“
    Dies ist ein Satz der klingt in meinen Ohren irgendwie lieblos. Entschuldigt bitte, aber ich musste diesen Satz sogar bei der Beerdigung meines Sohnes hören.
    Wir waren einmal vor langer Zeit im Urlaub in Irland, dort ist bei einem Unfall unser Sohn ums Leben gekommen, Du glaubst nicht wie die Menschen sind, wenn sie die Neugier plagt. Wildfremde Leute haben mich auf der Straße angesprochen, Wie, – wo, – was, -warum?Und das Schlimmste, die Zeitungen schrieben dazu totale Falschmeldungen.

    • Tut mir leid liebe Christa,
      es war nicht lieblos gemeint, sondern einfach nur eine Bitte nicht alles andere zu vergessen.

    • Danke für Deinen Kommentar, liebe Christa. Tut mir sehr leid, von deinem persönlichen Unglück zu hören, dann hast Du sicherlich noch mal einen ganz anderen Bezug zu solch einer Geschichte.
      Das Leben geht weiter – wenn man gerade in tiefer Trauer ist, sind das vermutlich keine besonders hilfreichen Worte, sie können nur platt und vielleicht lieblos wirken. Trotzdem verstehe ich, was Ute meint. Würden wir all die lieben Menschen, die schon aus unserem Leben getreten sind, fragen, dann würden sie sich sicherlich alle wünschen, dass wir kraftvoll weiterleben und glücklich sind!

  4. Ich kann deinen Gedanken nur zustimmen, auch wenn sich inzwischen eine weitere Spekulation oder auch Aufklärung zum Absturz aufgetan hat. Meines Erachtens hätte man besonnener reagieren sollen, die Zuweisung der Schuld erst nach Findung und Auswertung des zweiten Flugschreibers an die Öffentlichkeit geben sollen.
    Sicher sind wir alle mit unseren Gedanken bei den Hinterbliebenen, auch die unsere Politiker. Doch nur weil einer vor Ort sein wollte, musste die anderen nachziehen, Steuergelder werden verschleudert, die sinnvoller eingesetzt werden könnte. Für mich sind die Einzigen, bis natürlich auf das Bergungsteam, die Angehörigen und Seelsorger, welche vor Ort sein dürften. Presse sollte man fern halten. Darüber, das sie nämlich die noch erkennbaren Geborgenen identifizieren sollen, spricht niemand. Und wie schwer das sein wird, ehrlich, ich möchte es nicht und hoffe ich, dass sie die Kraft finden.

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Monika. Durch diese ganzen Spekulationen um den Copiloten wird für mich alles noch viel schlimmer. Zum Glück scheinen einige Presseleute inzwischen auch ein Einsehen zu haben!

  5. Liebe Katja!
    Ich danke dir für diesen Artikel. Du drückst darin aus, was mich bewegt. Natürlich ist es nicht so, dass mich diese Katastrophe kalt lässt, aber ich mag über meine indifferente Gefühlslage nicht in den sozialen Netzwerken posten. Ich muss für mich denken und meine Gefühle ergründen. Dazu brauche ich Zeit und Ruhe. Aktionismus hilft nicht und so manche Trauerbezeugung ist mir zu plakativ. Ich denke vor allem an die Familie des Copiloten. Wie erstarrt müssen sie sein. Und wie soll ich das öffentlich machen? Kann ich nicht.
    Du hast sehr differnziert geschrieben, das tut gut!

    • Danke für Deine Worte, liebe Monika. Auch Dein Kommentar zeugt von Anteilnahme und Mitgefühl, das finde ich wunderbar!

  6. ich sehe das ganze so,
    es ist immer das Gleiche, egal was trauriges oder schreckliches in der Welt passiert. Sobald es für die Weltgeschichte interessant sein könnte wird etwas großes daraus gemacht und Jeder , sei es Politiker oder Journalist oder sonst eine Prominente Person sieht hier seine Chance gekommen wieder einmal die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken um zu zeigen wie Mitfühlend er oder sie doch ist. Das hebt sein Image und das ist jetzt wichtig. Ob wirklich immer Trauer dabei ist, stelle ich in Frage.
    Sicher, auch ich bin Traurig, wenn so etwas passiert und danke meinen Schöpfer wenn es mich nicht betrifft. Gleichzeitig bitte ich ihm aber auch die Betroffenen zu stärken, damit sie ihren schweren Schicksalsschlag ertragen mögen, so schwer es auch sein mag.
    Unglücke passieren immer und immer wieder und wir müssen damit umgehen, das ist richtig. Aber wir müssen keine heuchelnde Trauer zeigen wie es zur Zeit wieder viele tun.
    Ich denke aber, das jetzt so manch einer böse auf mich sein wird. Soll er!!

    Maxe

    • Danke für Deinen Kommentar, lieber Maxe. Ich bin Dir absolut nicht böse und ich denke, niemand muss Trauer zeigen, weder geheuchelt noch sonstwie. Jede/r kann und sollte seinen eigenen Weg finden, um mit solch einer Situation umzugehen.

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