Anatol

Anatol war einer meiner Lehrer, ein durchaus wichtiger, auch wenn ich, wie das häufig so ist, erst recht spät verstanden habe, wie wertvoll seine Botschaften tatsächlich waren.
Wir sind uns zum ersten Mal Mitte der Neunziger Jahre quasi auf geschäftlichem Wege begegnet, da er regelmäßiger Pensionsgast in meiner damaligen Ausbildungsstelle war. Er stand zu dieser Zeit in der Blüte seiner Jahre, die innere und äußere Reife zeigte sich bereits an einer dezenten Graufärbung seines Bartes. Er war nicht übermäßig groß, aber breitschultrig und er entstammte gleich zwei alten deutschen Adelsgeschlechtern. Die dementsprechenden Abstammungsurkunden wurden ihm aufgrund der Blutsvermischung leider verweigert, was seine Haltung und sein Gebaren jedoch nicht im Geringsten beeinflusste. Er wusste, dass er den meisten anderen Pensionsgästen haushoch überlegen war. Ich glaube, er wusste auch, dass er so manchem Zweibeiner haushoch überlegen war.

Zugegeben, ich hatte zu Beginn einen gehörigen Respekt vor ihm. Weder das seltsame Auftreten seines offenbar sehr reichen Frauchens, noch das deutlich erkennbare Erbe von Rottweiler und Schäferhund wirkten auf mich vertrauenerweckend. Obwohl beide, Dame und Hund, regelmäßig in die Tierpension kamen, wirkten sie dort seltsam deplatziert, ihre Unsicherheit kaschierten sie allerdings weitaus besser als ich.
Meist war soundso meine Chefin diejenige, die beide begrüßte und Anatol in sein Quartier brachte. Anschließend erklärte sie mir und meiner Kollegin die Regeln: Anatol wurde nur allein nach draußen gelassen, die Gesellschaft anderer Hunde war ihm wirklich nicht zuzumuten. Die wichtigste Regel jedoch lautete: Anatol wird unter keinen Umständen angefasst!
Letzteres funktionierte deswegen, weil er sich im Grunde stets wie ein englischer Gentleman benahm: klaglos, geduldig und manchmal mit einer Prise Humor nahm er die widrigen Umstände, von seiner Familie und seinem angestammten Wohnsitz getrennt zu sein, auf sich und akzeptierte alle dazugehörigen Regeln. Als Gegenleistung erwartete er nur ein wenig Respekt, zum Beispiel, dass er den Auslauf alleine betreten konnte und auch von allein wieder zurück in sein Quartier ging, wenn er mit der Verrichtung aller notwendigen Dinge fertig war.
Nachdem diese Vereinbarungen einmal getroffen waren, kamen wir alle ausgesprochen gut miteinander aus. Tatsächlich wurde Anatol nach und nach zu einem Pensionsgast, den ich außerordentlich schätzte. Zum einen, weil ich seine selbstsichere Art bewunderte, zum anderen, weil er im Pensionsalltag gut zu händeln war, wenig Stress und niemals Ärger machte. Mit der Lektion, die er für mich vorgesehen hatte, wartete er dann auch so lange, bis sich zwischen uns so etwas wie Freundschaft entwickelt hatte, oder vielleicht auch, bis er bereit war, mich als Schülerin anzunehmen.
Es war in den Herbstferien, Anatol war zu Besuch und viele andere Hunde auch, wir hatten an diesem Tag recht viel zu tun und waren angehalten, die Gassirunde nicht zu sehr auszudehnen, damit wir mit allem fertig wurden. Ich ließ die Hunde der Reihe nach in den Auslauf, manche gemeinsam, andere, wie Anatol, allein. Er kam recht fröhlich nach draußen und beschloss, ein kleines Fitnessprogramm zu absolvieren, um seinen nicht mehr ganz so jugendlichen Körper beweglich zu halten. Das Programm wurde mit Hilfe eines Tennisballes durchgeführt und hatte ebenfalls feste Regeln: Er legte mir auffordernd den Ball vor die Füße, ich warf ihn, er holte ihn zurück und legte ihn wieder hin, sodass ich erneut werfen konnte. Wir hatten beide Routine darin.
Es mag sein, dass ich Anatol an diesem speziellen Tag etwas früher als sonst aufforderte, das Ballspiel zu unterbrechen und wieder zurück ins Haus zu gehen. Es mag sein – nein, es war definitiv so – dass ich im Stress und schon während des Spiels nicht richtig bei der Sache gewesen war. Und da Anatol es wirklich nicht leiden konnte, wenn man ihm den ihm gebührenden Respekt nicht zollte, forderte er mich auf seine ganz eigene Art zurück ins Hier und Jetzt: Entgegen unserer Spielregeln ließ er den Tennisball nicht draußen auf der Wiese liegen, sondern nahm ihn mit nach drinnen. Er trabte in seinen Zwinger, dort setzte er sich hin und blickte mich, den Ball immer noch zwischen den Zähnen, auffordernd an.
Ich war im Zwiespalt. Tennisbälle konnten leicht gefährlich werden, wenn ein Hund sie zerkaute und Teile davon herunterschluckte. Ganz abgesehen davon war ich ärgerlich, weil Anatol sich gerade heute diesen kleinen Spaß erlaubte. Ich streckte meine Hand aus und forderte ihn mehrere Male auf, mir den Ball zu geben, er saß weiterhin statuengleich da und sah mich an.
Meine Wut steigerte sich nur noch, ich verlor die Geduld und griff nach dem Ball, um ihn aus seinem Maul zu ziehen. Doch Anatol ließ nicht los. Meine Stimme war mittlerweile alles andere als respektvoll, ich brüllte ihn an, er solle mir jetzt verdammt noch mal diesen dämlichen Ball geben … und damit war seine Geduld zu Ende. Äußerlich seelenruhig aber trotzdem so schnell, dass ich überhaupt nicht reagieren konnte, ließ er den Ball für einen Moment los, umfasste mit seinen Zähnen kräftig meinen Arm und legte sie dann wieder um den Ball.
Sein Blick war die ganze Zeit auf mich gerichtet. In seinen Augen war keine Wut zu lesen und meine verflog in der nächsten Sekunde. Abgelöst wurde sie von einer Mischung aus Schock und eben jener Ruhe, die er nach wie vor ausstrahlte. Ich ließ den Ball los, er auch, wir sahen beide zu, wie er durch die Tür des Innenzwingers auf den Gang hüpfte. Anatol stand auf, schüttelte sich kurz, sprang auf seinen Sessel und rollte sich zusammen, nur aus den Augenwinkeln beobachtete er weiterhin, was ich machte.
Ich schloss die Zwingertür und verließ das Gebäude in einer seltsamen Klarheit und Wachheit. Meine Kollegin kam mir entgegen und erzählte, was sie alles schon erledigt hatte und was noch zu tun war, ihre Worte ergaben nur wenig Sinn für mich. Sie stutzte, musterte mich und rief erschrocken: „Ich glaube, du blutest!“
Tatsächlich lief da ein feines Rinnsal unter meinem Jackenärmel hervor und tropfte von meinem Finger auf den Boden. Ich spürte keinerlei Schmerz, zumindest zu dem Zeitpunkt noch nicht – später im Krankenhaus, als der Arzt das Loch in meinem Unterarm begutachtete, änderte sich das. Weil es ein Arbeitsunfall war, wurde ein ziemliches Brimborium um die Sache gemacht, aber ich konnte glaubhaft versichern, dass ich unachtsam gehandelt und das Ganze selbst verursacht hatte. Anatol hatte alles andere als eine aggressive Reaktion gezeigt, er hatte mich zurechtgewiesen, wie er es bei einem Welpen tun würde, und es war schließlich nicht seine Schuld, dass meine Haut dünner war als die seiner Artgenossen.
Trotzdem war ich ein wenig unsicher, als ich nach einigen Tagen wieder Dienst hatte und wir uns begegneten. Meine Kollegin bot an, Anatol für mich nach draußen zu lassen, doch ich lehnte ab. Irgendwann mussten wir die Sache ja klären. Als ich die Tür zu seinem Innenzwinger öffnete, blickte er mich an, den Kopf leicht schräg, die Frage in den Augen, ob alles okay sei und ob ich es verstanden hätte.
„Ich denke, das habe ich“, sagte ich laut und nickend.
Er sprang auf, eine Art Grinsen im Gesicht, und trabte nach draußen. Einen Moment später legte er mir auffordernd den zerknautschten alten Tennisball vor die Füße.

12 Gedanken zu „Anatol

  1. Ja, so sind sie die gar nicht so dummen Vierbeiner – jedenfalls die intelligenten unter ihnen :-))

  2. Puh, Katja! Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte?! Aber ein eindrucksvoller Kerl, der Anatol! LG, Gabi.

    • Danke Gabi – ich hab damals wenig drüber nachgedacht und einfach gehandelt … hat funktioniert :)

  3. Unglaublich einfühlsam und berührend!! Ich verkneife mir ein „Schneuz“, das hätte Anatol wohl als unangemessen empfunden. Vielen Dank, Katjuschenka, für diesen tollen Beitrag. Ich war jede Sekunde bei dir.

  4. Ich bin tief beeindruckt.
    Im Laufe meiner langen Jahre mit Hunden habe ich zumindest gelernt, dass man keine Angst vor ihnen zeigen sollte. Man sollte versuchen ihre Art zu akzeptieren und zu verstehen. Bei meinem eigenen klappt das. Aber der jetzige ist ja auch leicht zu händeln. Bei fremden musste ich es lernen, nicht in Panik zu geraten wenn sich uns beim Gassigehen einer nähert. In der Ruhe liegt die Kraft. Und davon hast du sehr viel wie es scheint.

    • Im Umgang mit Tieren habe ich diese Ruhe sehr oft, liebe Ute … bei Menschen habe ich da oft noch ein bisschen Nachholbedarf … :-)

  5. Die Menschen neigen oft dazu, Hunde domestizieren zu wollen. Sie sollen uns gehorchen und wie deine Geschichte zeigt, klappt das nicht immer. Anatol hatte seinen eigenen Kopf und er war der Ältere. Sicherlich eine lehrreiche Erfahrung, die das eigene Verhalten prägt und ändert.

    Hunde sind nicht von Natur aus böse sind, sie werden so gemacht. Durch falsche Erziehung oder Machtgehabe. Natürlich können sie unberechenbar sein, aber das sind Menschen auch.

    Wieder einmal fesselt mich dein Schreibstil, dieses Lebendige, ob ernsthaft oder fröhlich, einfach schön zu lesen.

    Ich schaue wieder vorbei Gruß Geli

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Geli. Ich bin überzeugt, dass selbst ein Hund, der „böses“ Verhalten zeigt, nicht böse ist, sondern es nur tut, weil es ihm so beigebracht wurde, weil er Angst vor Bestrafung hat oder weil er keinen anderen Ausweg weiß. Bei den Menschen ist das ganz ähnlich …

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