Geschichten von den Weißen – Wölfe im Park

Als meine Hündin Jeshi etwa sieben Monate alt war, hatte ich eine Lektion bereits gelernt: Wenn du dich mit einem jungen, weißen Hundekind auf öffentlich zugängliche Wege und Straßen begibst, solltest du erstens Zeit mitbringen und zweitens nicht menschenscheu sein. Aus jeder Ecke wird es dir entgegenschallen: „Oh Gott, ist der süß!“ oder „Kann man den streicheln?“ oder „Was ist das für einer?“, oder es ertönt einfach nur ein langgezogenes „süüüüß“, und zwar in einer Tonlage, in der das „ü“ bereits in ein schrilles „i“ übergeht.
Es kann recht unterhaltsam sein, sich passende Erwiderungen auszudenken („Ist er nicht, ich habe probiert!“ oder „Einmal streicheln kostet 2 Euro“). Da die Leute dir in solchen Momenten meist sowieso nicht zuhören, weil alle ihre Sinne vollständig von dem weißen Fellknäuel vereinnahmt sind, macht es jedoch wenig Sinn, eine Diskussion anzufangen. Es gibt eigentlich nur die Möglichkeit, den Ansturm über sich ergehen zu lassen (und darauf zu achten, dass der Hund diesen übersteht und nicht erdrückt oder entführt wird) – oder menschliche Ansiedlungen generell zu meiden und irgendwo in der sibirischen Taiga spazieren zu gehen.

Die Hunde, die vor Jeshi bei mir gewesen sind, waren alle schwarz und ich fand es damals schon beeindruckend, welchen Unterschied das machte. Joey zum Beispiel war ein schwarzer Schäferhundmischling, der ein Steh- und ein Kippohr hatte und wirklich lustig aussah, doch wenn ich mit ihm in der Stadt gewesen bin, haben die meisten Menschen einen Bogen um uns gemacht. Schwarze Hunde lösen viel schneller Unsicherheit und Abwehr aus, es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir uns mit den hellen und lichtvollen Dingen in unserem Leben viel lieber befassen als mit den dunklen oder schattenhaften Aspekten.
Das erinnert mich an eine Frau, die ich während meiner Tierheilpraktiker-Ausbildung kennengelernt habe. Ihr Erscheinungsbild glich dem einer Elfe, sie war großgewachsen, zierlich, fast ätherisch und hatte lange, weißblonde Haare. Als Begleiter hatte sie sich ausgerechnet zwei schwarze Riesenschnauzer-Rüden ausgesucht. Sie meinte, seit sie die beiden hätte, seien aufdringliche Anmachversuche von Männern, unter denen sie vorher wirklich gelitten hatte, nahezu auf null zurückgegangen. Ich fand das ziemlich nachvollziehbar.
Mit Jeshi allerdings machte ich die gegenteilige Erfahrung: Alle möglichen Menschen sprachen mich an, auch solche, die durch meine Behinderung verunsichert waren und mir normalerweise eher ausgewichen wären.
Einige dieser Begegnungen waren wirklich denkwürdig. Zum Beispiel jene, als Jeshi sieben Monate alt war. Wir waren im Kurpark unterwegs, es war nicht allzu viel los, aber ich konnte sehen, dass bei den Bänken am Kinderspielplatz einige Jugendliche zugange waren. Kids in der Gruppe können für Behinderte zu einer echten Herausforderung werden, deswegen war mir nicht so ganz wohl, doch ich ging trotzdem weiter.
Die Jugendlichen bemerkten uns und fingen an zu tuscheln, eine Diskussion entbrannte, bis einer aufstand und langsam auf uns zu kam. Es war ein vielleicht fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge, kräftig und natürlich total cool. Er starrte abwechselnd mich und meine Hündin an, ich machte mich auf blöde Kommentare gefasst und fragte ihn, was er wolle. Er antwortete nicht, starrte nur auf den Hund, mit aufgerissenen Augen und hängender Kinnlade. „Was ist denn?“, erkundigte ich mich erneut.
Seine Augen wurden noch größer, als es aus ihm herausbrach: „Ist das ein Wolf?“
In seiner Stimme schwang soviel Unsicherheit, dass ich lachen musste. „Klar. Ich laufe mit einem Wolf an der Leine durch den Kurpark!“
Er fing an, vehement zu nicken, als hielte er dies für eine durchaus plausible Möglichkeit. Ich beschloss, ihn von seiner Verwirrung zu erlösen und erklärte ihm den Unterschied zwischen Wölfen und Hunden im Allgemeinen und zwischen Wölfen und Weißen Schäferhunden im Besonderen. Er traute sich dann sogar, Jeshi zu streicheln und als er zurück zu den anderen ging, waren seine Körperhaltung und seine Blicke die eines Mannes, der gerade einen wilden Wolf gezähmt hatte.
Und das Fazit dieser Geschichte? Willst du Menschen kennenlernen, lade einen Hund in dein Leben ein. Aber achte drauf, welche Farbe er hat :-)

21 Gedanken zu „Geschichten von den Weißen – Wölfe im Park

  1. Hell wird mit freundlich assoziiert und da gibt es eine Menge Beispiele. Auch bei Kleidung ist das so. Wer mit einem Hund unterwegs ist, wird oft angesprochen, das kenne ich aus eigener Erfahrung ganz genau und dieses aufeinander Zugehen ist eigentlich schön und wertvoll. Es gibt beiden Seiten etwas. Ich fasse fremde Hunde meist nicht an, aber ich bin freundlich und frage den Hundebesitzer danach. Wenn ich merke und das geht ganz schnell, dass das Tier Zuwendung möchte, dann gebe ich sie gern. Eigentlich sieht man doch sofort wie das Herrchen/Frauchen so der Hund. Deine Geschichte mit dem Jugendlichen finde ich bemerkenswert. Einseits spielt er den Coolen, aber da kommt diese kleine Frau mit einem großen Hund und seine Reaktion ist eine völlig andere. Er hat sich getraut, so seine Körperhaltung, aber nicht nur getraut, einen Wolf zu zähmen, sondern dich anzusprechen. Eine Geschichte mit Biss Katja, sie sagt so viel und zeigt ein Bild was mir gut gefällt. Schönen Sonntag Geli

    • Schön, dass Du Deine Gedanken hier teilst, liebe Geli. Und Du hast natürlich Recht, das mit der Farbe betrifft nicht nur Hunde. Ich glaube, jemand der ganz in schwarz gekleidet ist, wird auch wesentlich seltener angesprochen – es sei denn, es ist eine Abendveranstaltung und das Schwarze ist eher arm an Stoff :-)

      • Eine wunderschöne Geschichte, deine Erfahrung, welche du mit den weißen und schwarzen Tieren machtest. Insbesondere wenn sie heller sind, haben die Leute weniger Angst. Vielleicht meinen sie „Dunkles ist böse“, was natürlich Schwachsinn ist, leider wird es ja in den Medien vielen suggestiert.

        • Nicht nur in den Medien, liebe Manu, auch in Märchen, Geschichten, Überlieferungen, Aberglauben … das sitzt schon ziemlich tief, würde ich meinen.

  2. was für eine bezaubernde Geschichte… ich erinnere mich auch noch wie ich mit meinem Cookie spazieren ging, war ja auch ein kleines wuschiges Fellbällchen, hellbeige. Ich fand es sehr belastend wie die leute uns auf die Pelle gerückt sind und einfach auf den hund los gingen, einmal lief er ein paar Meter hinter mir im park und da hat Ihn einfach jemand hochgenommen.. und immer wieder die gleichen Fragen wie alt, welche Rasse…bähhh irgendwann lief ich nur noch weit weg von den Wegen. Siet ich die Erfahrung gemacht habe bin ich sehr bedacht drauf ob und wie ich Hundebesitzer anspreche und wenn ich süße Babys sehe schmachte ich meistens nur noch mit den Blicken ein bisschen.

    • Ja, das kann schon ziemlich nervig sein! Seit ich zwei von den Weißen habe, wirds auch weniger, da haben die Leute doch eher Respekt. Ich schmachte grundsätzlich jedes Hunde- oder Katzenbaby an, habe aber mittlerweile auch gelernt, mich zurückzuhalten.

  3. Bei der schwarzen Aischa war die Farbe – aufgrund ihres Zwergwuchses – ja weniger ein Problem – ich glaube, da hatte niemand Angst. Aber ich erinnere mich daran, wenn ich mit Gela und den beiden braunen Schäferhunden unterwegs war, machten die Menschen einen großen Bogen, sammelten ihre Kinder ein oder pfiffen sie zurück.
    Ich finde es hochinteressant, dass man auf das Weiß so extrem anders reagiert…

    • Angst hatte niemand, aber die „oh wie niedlich“ – Kommentare kamen eigentlich nur, als sie noch ein Welpe war. Die Mythologie ist ja voll mit schwarzen Hunden oder anderen Untieren, ich denke schon, dass selbst im modernen Menschen da etwas hängengeblieben ist.

  4. Hallo liebe Katja, ich bin gedanklich mal eben an einem schwarzen und einem weißen Hund vorbeigegangen. Ganz eindeutig war zwischen dem Schwarzen und mir ein größerer Abstand, ich habe sogar meine Hand in die Jackentasche gesteckt.
    Ich mag Hunde schon sehr, gehe aber nicht sofort auf sie zu. Sogar der junge Kampfschmuser hier im Treppenaufgang bekam von mir lange nur ein Lächeln und ein paar freundliche Worte, obwohl ich ihn am liebsten geschnappt und geknuddelt hätte, schmunzel… 😉
    Dann kam sein Herrchen, ein junger und eher rauhbeiniger Mann, plötzlich zur Eingangstür des Hauses herein, als ich gerade hinaus wollte. Der junge Hund sprang aufgeregt an mir hoch und schlabberte mich ab. Ich musste so lachen und kniete mich endlich hin, um ihn zu streicheln.
    So kam ich mit dem Herrchen natürlich ebenfalls ins Gespräch – und siehe da – die von mir aufgedrückte Rauhbeinigkeit entbehrte jeglicher Grundlage.
    Ich kann dir also mal wieder nur Recht geben. Ein Hund, wenn er nicht unbedingt schwarz und groß ist…zwinker… kann eine Tür zwischen Menschen öffnen.

    • Danke für Deine Erfahrungen, liebes Lämmchen! Ich freu mich immer, wenn jemand sagt: Ich hab mich hingekniet – denn das ist die mit Abstand hundefreundlichste Variante, tausend mal besser als runterbeugen! So begeistert man auch schwarze Vierbeiner und deren Besitzer!

  5. Sehr interessant! So habe ich das noch nie gesehen. Ich mag nämlich eher schwarze Hunde…
    Lieben Gruß – Angela

  6. eine wirklich schöne Geschichte liebe Katja.
    Ich habe sie gerne gelesen. Ich empfinde auch manchmal etwas Beklemmung, wenn mir ein großer schwarzer Hund begegnet. Aber schlimmer ergeht es meinem Lucky,
    Vielleicht weißt Du, es ist mein Halbdackel , oder Halbjorky. Der begegnet diesen schwarze Riesen ,aber auch den Weißen immer mit angst.
    Das mag vielleicht daher kommen, dass er mindestens eine Zeit lang in Ungarn auf der Straße gelebt hat, jedenfalls kam er dann in die Tötung, wurde aber gerettet, und nun ist er bei uns. Und das ist gut so, für ihn, und für uns.
    Also ich denke, wenn man einen Hund hat, ich hatte seit ich denken kann immer einen Hund. Die letzten Jahr waren es Dackel, und nun ist es ein Mischling. Ach ja ich schweife ab, ich will sagen, man muss immer damit rechnen angesprochen zu werden. Ich habe schon viele nette Bekanntschaften gemacht. Also, das ist doch schön, wenn jemand daher kommt und zu meinem Hund, jetzt zu Lucky sagt: „Du bist aber süß“, ich denke, meine Hunde haben sich immer gefreut, und ich natürlich auch.
    Und wenn ich mal niemand sehen will, dann gehe ich so kleine Schleichwege durch den Wald. Natürlich; Hund dann immer an der Leine.
    Also, weiße Wölfe mag ich auch.
    Herzlichst,
    Christa

    • Danke für Deinen Kommentar, liebe Christa, und Deine persönlichen Erinnerungen. Ich kann es mir auch nicht mehr vorstellen, ohne Hund zu sein :)

  7. Das ist schon komisch, das mit dem Schwarz und Weiß….. Im Tierheim sagten sie uns auch, dass sie schwarze Tiere immer viel schlechter vermitteln können als helle. Mir ist es echt egal. Wir hatten helle Hunde und nun haben wir einen scharzen. Der Schwarze ist viel menschfreundlicher, als es die Hellen waren, denn er ist ein Labrador. Vorurteile sind doch echt überall unterwegs….verrückte Welt! LG, Gabi.

    • Ja, liebe Gabi, wenn Yukon es sich aussuchen könnte, wäre er wahrscheinlich auch lieber schwarz, damit die Leute sich nicht so auf ihn stürzen. Aber natürlich ist es auch schöne zu sehen, wenn anderen das Herz aufgeht, wenn sie meinen Hunden begegnen. :-)

  8. Deine Geschichte regt wie immer zum nachdenken an. Ich habe gerade überlegt wie es wäre, wenn Pedro nicht zu den Spanischen sondern zu den Portugiesischen gehören würde. Die Portugiesen sind nämlich schwarz.
    So wie er ist entlockt er vielen Leuten ein schmunzeln, und wird so gar mit Sätzen wie „Der sieht aus wie gestrickt“ bedacht.
    Auf Hunde habe ich selber oft eine magische Anziehungskraft. Egal welche Rasse. Sogar die Dovermänner meines Nachbarn, vor denen er selbst manchmal warnte, setzten sich wie selbstverständlich an meine Seite.

    LG Ute

  9. Hallo Katja!
    Meine Antwort kommt spät, weil ich lange verreist war und seltten online sein konnte. Ich mag deine Beiträge und möchte zu diesem einen Kommentar dalassen, auch wenn er spät kommt:
    Ich besitze eine schwarze Schäferhundmischlingshündin mit Stehklappohren und „klunkernden“ Augen, wie ein Mädchen einmal treffend feststellte. Wenn ich in allein in die Berliner Innenstadt fahre, nehme ich sie gern mit, weil ich mir ein wenig Respekt und Schutz erhoffe. Und was passiert immer – wirklich immer, wenn ich Fremde treffe: „Ach ist der niedlich! Kann man den streicheln? Das ist ein ganz lieber Hund, sieht man gleich!“ So habe ich dann jede Menge Leute an der Backe, was ja nicht schlimm ist, denn sie wollen mir ja nichts böses. Aber Respekt, Schutz gar Angst vor dem großen, schwarzen Hund? Gibts nicht mit Joy.

  10. Liebe Katja
    bin ich doch mehr zufällig hier gelandet und finde dich. Muss lachen bei Finden.
    Aber ist es wohl.
    Deine Erzählung ist ganz hervorragend. Nicht nur im Stil, fast mehr noch inhaltlich.
    Das Tier ist und bleibt ein Bindeglied zwischen den Menschen. Egal welcher Art. Weil die Menschen, egal welcher Couleur, ein unbewusstes Verhältnis zum Tier hat. Von Angst bis beherrschender Empathie für das Tier.
    Auch geht man untereinander, viel offener und fragender in das Gspräch.
    Hast du wunderbar erzählt Katja. Chapeau.
    Liebe grüsse and ich und deine Mam
    Harry aus Schweden

  11. Unsere pechschwarzen Neufundländer wurden immer nur freundlich aufgenommen, daher denke ich, dass auch Fell und Gesicht etwas aussagen. Auch werden flauschige Hängeohren eher freundlich bewertet, als spitze, hochaufgerichtete.

    Wenn ich gefragt werde: „Beißt der Hund?“ ist meine Antwort immer: „Solange er Zähne hat, ist es wahrscheinlich“.

    Lese immer wieder gerne hier.
    LG Flo

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