Wenn sie gehen …

„Als Gott die Welt erschuf“, so sinnierte Konrad Lorenz bereits vor 50 Jahren, „muss er wohl unerfindliche Gründe gehabt haben, dem Hunde eine etwa fünfmal kürzere Lebensdauer zuzumessen als seinem Herrn“. Heutzutage hat sich diese Situation eher noch verschärft, da die Menschen immer älter werden, die Lebenserwartung der Hunde aber keinesfalls gestiegen ist. Und natürlich gilt dieses Missverhältnis nicht nur für Hunde, sondern für so ziemlich all unsere Heimtiere, Schildkröten und Papageien vielleicht ausgenommen. Und es gibt auch etliche Pferdeleute, die sich tatsächlich vor die Frage gestellt sehen, was sie mit ihrem Zwanzigjährigen anfangen sollen, den man nicht mehr richtig reiten kann, dem voraussichtlich aber noch etliche Jahre bevorstehen.
Zwanzigjährig. Ich teile mein Leben mit Hunden und Katzen, da scheint mir solch eine Zahl völlig utopisch zu sein. Obwohl der derzeit älteste Hund 25 ist und die älteste Katze gerade 31 wurde – aber das sind wohl echte Ausnahmeerscheinungen. Katzen begleiten mich beinahe mein ganzes Leben lang, eine starb mit 12 an Altersschwäche, doch die meisten anderen sind wesentlich früher gegangen.

Gestern Abend fand ich meinen Kater, gerade vier Jahre alt, tot am Straßenrand. Überfahren von jemandem, der mal wieder zu schnell durch den Ort gerauscht ist oder einfach nur unaufmerksam war wegen der Hitze. Ich werde es nicht mehr erfahren und danach zu forschen ergibt auch wenig Sinn. Wer wie ich davon überzeugt ist, dass nur Freigänger ein artgerechtes Katzenleben führen (ein seltsames Wort, das sich da etabliert hat, wird es doch auch für Menschen im Strafvollzug verwendet …), der muss mit so etwas rechnen. Manchmal verschwindet ein Tier und man erfährt nie, was mit ihm passiert ist. Manchmal findet man sie verletzt oder tot an der Straße oder im Gebüsch. Schmerzvoll ist es immer, der Schock genauso wie das tage- oder wochenlange Warten und Hoffen, dass der geliebte Hausgenosse doch wieder auftaucht.
Vor zwei Jahren kam eine junge, in Tränen aufgelöste Frau auf den Hof, völlig fertig, ihr war gerade eine Katze ins Auto gerannt und sie wollte wissen, ob es meine gewesen sei. Es war meine und ich war zunächst mehr damit beschäftigt, die junge Frau zu trösten, als mich um das tote Tier zu kümmern. Eine seltsame und berührende Situation. Trauer scheint so oft leichter erträglich zu sein, wenn sie sich in Wut entlädt und einen Schuldigen findet, aber ich konnte dieser Frau nicht böse sein.
Tiere sind und waren für mich immer wichtige Lehrer. Es mag klischeehaft klingen, aber gerade von der menschlichen Gesellschaft so hochgehaltene Werte wie Treue oder Freiheit finde ich bei den Tieren oft deutlicher gespiegelt als bei den Vertretern meiner eigenen Spezies. Klar, kann man entgegnen, die Tiere müssen sich nicht mit einem Gewissen herumschlagen und wir Menschen haben nun mal die Wahl, uns ganz bewusst gegen unsere moralischen Grundsätze zu entscheiden. Gerade das macht das Menschsein ja so wertvoll. Aber oft auch anstrengend. Und genau deswegen empfinde ich die Gesellschaft von Tieren als so erholsam. Da wird vor allem gelebt – in aller Gefühlsintensität und mit, da bin ich mir sicher, weitaus mehr Bewusstsein als die Wissenschaft immer noch annimmt.
Ist es nicht erstaunlich, dass wir, häufig schon als Kinder, unsere ersten Erfahrungen mit dem Tod meist dann machen, wenn ein geliebtes Haustier stirbt? Unsere Gesellschaft hat beschlossen, das Sterben und den Tod so weit wie nur möglich vom Leben zu trennen und in Krankenhäuser und Pflegeheime zu verbannen. Länger als drei Monate um einen verstorbenen Angehörigen zu trauern, gilt in der neusten Auflage des DSM (Leitfaden der amerikanischen Psychiatrie) inzwischen als psychische und behandlungsbedürftige Störung.
Geburten werden mittlerweile fast standardmäßig per Kaiserschnitt durchgeführt und somit planbar und schmerzfrei, und das gleiche wird wohl auch irgendwann dem Tod bevorstehen, zumindest scheint das der Wunsch nicht weniger Mediziner zu sein. Den Tieren dürfen wir das Sterben schon lange erleichtern, und ganz egal, ob wir damit ihnen oder eher uns selbst das (Mit)leiden ersparen wollen, es ist immer eine schwere Entscheidung, die oftmals gewohnte Weltbilder und Sicherheiten ins Wanken bringt.
Vielleicht ist es zu gewagt wenn ich behaupte, dass uns Tiere nicht nur viel über das Leben beibringen können, sondern uns auch eine Menge über den Umgang mit Tod und Sterben lehren. Ich jedenfalls habe es so erlebt, erst gestern wieder, als ich diesen wunderschönen Kater, quasi in der Blüte seines Lebens, an der Straße gefunden habe. Und so schmerzvoll es auch ist – ich bin sehr, sehr dankbar für diese Lektionen. Vielleicht waren Gottes Gründe ja gar nicht so unerfindlich, wie Konrad Lorenz es damals empfunden hat.

4 Gedanken zu „Wenn sie gehen …

  1. Ja, kann ich alles seh gut nachvollziehen denn ich habe viele Variationen des Abschiedes schon erlebt….erleben müssen…..erleben dürfen.
    Zum Einschläfern lassen habe ich immer ein sehr widersprüchliches Gefühl, obwohl es manchmal wirklich die beste Lösung ist. Aber für mich stand immer fest, solange unsere Tiere noch Spaß am Leben haben…egal, wie der auch sein mag…solange werden sie nicht eingeschläfert.
    Wenn ein Tier so geht, dann ist es Schicksal, da kann ich inzwischen mit umgehen, auch wenn es immer wieder ein schwerer Abschied ist, aber diese Entscheidungen – die machen mich immer total fertig.
    Alles Liebe Dir, Katja.
    Gabi.

  2. Partir, c’est mourrir un peu (Französisches Sprichwort) oder
    Abschied nehmen bedeutet immer ein wenig sterben – ich denke, da kann man es schon so oft erlebt haben, es ändert sich nichts…
    LG Gitta

  3. Tut mir leid für Deinen noch so jungen Kater! Sowas muss wirklich nicht sein.

    Aber das mit dem Gewissen sehe ich anders. Hast Du noch nie erlebt, was für ein schlechtes Gewissen ein Hund haben kann, wenn er genau weiss, dass er Blödsinn gemacht hat? Das zeigen sie doch ganz deutlich.

    LG Angela

  4. Liebe Katja
    sehr viel habe dem von dir Geschriebenen, entnehmen können.
    Nahezu deckungsgleich mit dem was ich denke und empfinde, ist deine Meinung, über Mensch und Tier mit meiner.
    Es gibt nicht viel zu schreiben fü mich, nachdem ich deine Kolumne gelesen habe.
    Nur soviel noch: Klasse und meine Hochachtung für dich kluge Frau.
    Liebe Grüsse
    Harry aus Scheden

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