Geschichten von den Weißen – Wölfe im Park

Als meine Hündin Jeshi etwa sieben Monate alt war, hatte ich eine Lektion bereits gelernt: Wenn du dich mit einem jungen, weißen Hundekind auf öffentlich zugängliche Wege und Straßen begibst, solltest du erstens Zeit mitbringen und zweitens nicht menschenscheu sein. Aus jeder Ecke wird es dir entgegenschallen: „Oh Gott, ist der süß!“ oder „Kann man den streicheln?“ oder „Was ist das für einer?“, oder es ertönt einfach nur ein langgezogenes „süüüüß“, und zwar in einer Tonlage, in der das „ü“ bereits in ein schrilles „i“ übergeht.
Es kann recht unterhaltsam sein, sich passende Erwiderungen auszudenken („Ist er nicht, ich habe probiert!“ oder „Einmal streicheln kostet 2 Euro“). Da die Leute dir in solchen Momenten meist sowieso nicht zuhören, weil alle ihre Sinne vollständig von dem weißen Fellknäuel vereinnahmt sind, macht es jedoch wenig Sinn, eine Diskussion anzufangen. Es gibt eigentlich nur die Möglichkeit, den Ansturm über sich ergehen zu lassen (und darauf zu achten, dass der Hund diesen übersteht und nicht erdrückt oder entführt wird) – oder menschliche Ansiedlungen generell zu meiden und irgendwo in der sibirischen Taiga spazieren zu gehen.

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Anatol

Anatol war einer meiner Lehrer, ein durchaus wichtiger, auch wenn ich, wie das häufig so ist, erst recht spät verstanden habe, wie wertvoll seine Botschaften tatsächlich waren.
Wir sind uns zum ersten Mal Mitte der Neunziger Jahre quasi auf geschäftlichem Wege begegnet, da er regelmäßiger Pensionsgast in meiner damaligen Ausbildungsstelle war. Er stand zu dieser Zeit in der Blüte seiner Jahre, die innere und äußere Reife zeigte sich bereits an einer dezenten Graufärbung seines Bartes. Er war nicht übermäßig groß, aber breitschultrig und er entstammte gleich zwei alten deutschen Adelsgeschlechtern. Die dementsprechenden Abstammungsurkunden wurden ihm aufgrund der Blutsvermischung leider verweigert, was seine Haltung und sein Gebaren jedoch nicht im Geringsten beeinflusste. Er wusste, dass er den meisten anderen Pensionsgästen haushoch überlegen war. Ich glaube, er wusste auch, dass er so manchem Zweibeiner haushoch überlegen war.

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